Platz!

Projektlaufzeit:
27.10.2007

Vorgeschichte und Anlass: im Jahr 2005 privatisierte die Stadt Linz die öffentlichen Litfaßsäulen im Linzer Stadtzentrum. Anlass war der angebliche „Wildwucher“ von Plakaten und die Beschwerden kommerzieller Veranstalter, die sich durch freie Initiativen, die kurzfristig ihre Veranstaltungen und Aktionen via Plakate ankündigten, in ihrem Geschäft bedroht sahen. Seitdem hat freie Kultur keine Möglichkeit mehr zur Veranstaltungankündigung im öffentlichen Raum des Linzer Zentrums.

2005 vergab die Stadt Linz also ihre Plakatsäulen an die Firma Werbering, die diese Säulen durch Glaswände vor „fremden“ Plakaten schützt und für zahlungskräftige Kunden deren Plakate affichiert.

Die Stadt Linz und der Werbering boten den Linzer Kulturvereinen an, Plakate kostenlos vom Werbering plakatieren zu lassen – ein wohlklingendes Angebot, dass sich in der Praxis aber als Befriedungsaktion mit geringem Wahrheitsgehalt entpuppte: die Auflagen der Firma Werbering sind in der Regel nicht zu erfüllen (vor allem die 6-wöchige Anmeldefrist ist für die kurzfristig agierenden Initiativen in der Praxis nicht einhaltbar) und wenn freie Kulturvereine es doch schaffen, werden deren Poster in der Regel am Stadtrand, aber kaum bis gar nicht im Zentrum plakatiert.

Das Linzer Zentrum bietet also keine Plakatmöglichkeiten mehr für freie Initiativen (deren Dynamik oftmals im schnellen und kurzfristigen Handeln und Reagieren besteht), lediglich kapitalstarke und kommerzielle Kulturveranstalter können ihr Kulturprogramm dort veröffentlichen. Der öffentliche Raum im Linzer Zentrum wurde privatisiert und von freier Kultur bereinigt und – durchaus im Rahmen anderer städteplanerischer Aktivitäten vor dem Kulturhauptstadtjahr – präpariert für glatte, kommerzielle Massenkultur ohne Ecken und Kanten.

 

Die Idee und das Projekt: da weder die Firma Werbering noch die Stadt Linz das Problem anerkennen, sehen wir uns zur direkten Aktion gezwungen: in einer zugegeben illegalen Aktion werden wir der symbolträchtigen, privatisierten Litfaßsäule am Linzer Hauptplatz eine eigene, hölzerne Litfaßsäule überstülpen. Diese illegale Plakatsäule werden wir einerseits mit entsprechenden inhaltlichen Aufklärungen zur Problematik und Aktion versehen, andererseits aber mit möglichst vielen Plakaten freier Initiativen bekleben. Alle freien Initiativen werden vorab informiert und eingeladen, mit ihren Plakaten den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Wir werden uns (die KAPU und alle befreundeten Initiativen, die sich beteiligen wollen) als „TäterInnen“ bekennen und uns weigern, die Litfasssäule wieder zu entfernen.

Die Aktion soll medial und öffentlichkeitswirksam stattfinden (Einladung der Presse, entsprechende Aussendungen, Dokumentierung....), um dem Problem der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raumes und der Verdrängung von unerwünschten Gruppen aus demselben Nachdruck zu verleihen. Ziel ist es, eine öffentliche Diskussion über die Nutzung und „Verwertung“ öffentlichen Raumes anzuzetteln. Konkret geht es natürlich auch um die Schaffung von Plakatiermöglichkeiten für freie Initiativen und ihre Aktionen, die geschützt sind vor dem Zugriff professioneller Plakatierer, die im Auftrag der Großveranstalter arbeiten.

 

Wir sind uns der potentiellen Kriminalisierung unseres Projektes bewusst, sehen dieses aber als notwendige Kunst- und Politaktion, um ein gesamtgesellschaftlich relevantes Problem zu thematisieren. Wir nehmen die Kriminalisierung und ihre Folgen in Kauf und erhoffen uns im Gegenzug eine mediale und öffentliche Aufmerksamkeit für freie Kunst- und Kulturarbeit, für den gegenwärtigen Mediendiskurs (auch Poster sind Medien!) und für den Umgang mit öffentlichem, urbanem Raum. Wir verlangen von einer angehenden Kulturhauptstadt, dass sie auch und gerade im Zentrum unbequeme Kultur- und Lebensformen zulässt und die Peripherisierung kommerziell nicht verwertbarer Kultur- und Lebensformen stoppt und dieser entgegenwirkt.

 

 

Die Umsetzung: gekleidet in Bauarbeiter-Anzüge werden einige AktivistInnen der KAPU und befreundeter Initiativen unangemeldet, aber hoffentlich in Begleitung interessierter JournalistInnen, den Platz rund um die Litfaßsäule mit Baustellenband absperren. Dann wird rund um die Litfaßsäule eine zweite, hölzerne Säule hochgezogen. Die zweite Säule wird möglichst stabil gebaut werden: um den Abbau zu erschweren sollen z.B. die Köpfe aller Schrauben abgeflext werden bzw. alle Kanten und Übergänge noch zusätzlich vernagelt werden. Anschließend wird die neue Plakatsäule mit Plakaten von anstehenden Aktionen und Veranstaltungen der freien Szene zugeklebt, zusätzlich soll als eine Art „Bekennerschreiben“ ein optisch auffälliger und großflächiger Infotext zur unserer Aktion und deren Hintergründe affichiert werden. Als Unterzeichnerin tritt die KAPU auf, bei Interesse auch andere Initiativen aus Linz, die sich beteiligen wollen. Selbstverständlich kleben wir keine Plakate ohne das Einverständnis der jeweiligen VeranstalterInnen!

Wir brauchen für diese Aktion ca. 30 Minuten und gehen davon aus, dass wir auch die eventuell eingreifende Exekutive solange hinhalten können, dass wir den Aufbau und das Bekleben der Säule zu Ende bringen. Anschließend verlassen die AktivistInnen den Schauplatz ihrer Aktion.

 

Wir hoffen durch die Einladung von JournalistInnen und entsprechend aktive Dokumentierung und Pressearbeit auf eine angemessene Berichterstattung in des tagesaktuellen und Szene-Medien, die unsere Aktion in die Öffentlichkeit tragen sollen.

Wir gehen davon aus, dass sowohl Stadt Linz als auch Werbering uns innerhalb weniger Stunden, maximal innerhalb weniger Tage zum Entfernen der illegalen Säule auffordern werden. Dies wollen wir verweigern, um unserer Aktion weiteren Nachdruck zu verleihen.

 

 

Die Konsequenzen: abseits vom erhofften Diskurs und Öffentlichkeitsinteresse rechnen wir natürlich vor allem mit juristischen und finanziellen Konsequenzen. Diese werden sich voraussichtlich auf drei Ebenen erstrecken:

  • seitens Stadt Linz werden wir verwaltungsrechtlich belangt werden, etwa wegen Störung der öffentlichen Ordnung, einer nichtangemeldeten Veranstaltung, dem Abladen von nichtgenehmigten Materialien usw.

  • seitens der Firma Werbering könnten wir zivil- und strafrechtlich belangt werden, wobei uns letzeres unwahrscheinlich erscheint. Wahrscheinlicher ist aber das zivilrechtliche Einklagen event. entgangener Gelder bzw. der potentiellen Mietkosten für die Säule

  • Beseitigungskosten: da wir unsere Säule nicht wegräumen wollen, wird dies entweder ein städtisches oder vom Werbering privat engagiertes Team erledigen müssen. Die Kosten dafür werden uns vermutlich auch verrechnet werden.

Die Aktion wird umgesetzt dank Unterstützung durch den KUPF-Innovationstopf 2007, finanziert mit Geldern des Land OÖ. Wir danken für die Hilfe!